Vorabinformationen

Vorab….

 

Die Idee zu diesem Buch hatten wir, als Galine schon beinahe zwei Monate alt war. Bis dato hatte ich schon tausende von Bildern von ihr gemacht, jeden Tag, weil ich immer schon so gerne fotografiert habe, und weil sie einfach ein so nettes Fotomodell ist. Außerdem waren wir viel bei ihr in diesen ersten Wochen. Da sie unser erstes Fohlen war, war sie sehnsüchtig erwartet worden, und nun freuten wir uns so sehr, dass sie endlich da war.

 

Wir hatten bald festgestellt, dass wir vor allem in dieser ersten Zeit am besten rund um die Uhr bei ihr sein mussten, um auf sie aufzupassen. Unser Stall und unsere Koppeln liegen am Rande unseres Dorfes an einer recht befahrenen Landstraße. Zwar gibt es hier im Ort fast zweihundert Reitpferde, aber es gibt kein zweites Fohlen, so dass Galine vom ersten Tag an sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Vorbeifahrende Autos bremsten plötzlich und hielten an, so dass es mehrfach beinahe zu Verkehrsunfällen kam. Sehr viele Menschen stiegen dann aus, gingen an den Zaun und lockten unser sehr neugieriges Fohlen an, um es dann durch die Seile des Stromzaunes hindurch  zu streicheln oder mit Grasbüscheln und Apfelstückchen füttern zu wollen. Da Fohlen bei ihrer Geburt über kein eigenes Immunsystem verfügen, sondern dieses erst über die ersten Tage und Wochen aufbauen müssen, lag eine meiner Hauptbeschäftigungen in dieser ersten Zeit darin, die Besucher darauf hinzuweisen, dass das Fohlen bitte nicht angefasst oder gefüttert werden darf und es außerdem für das Fohlen gefährlich ist, wenn es dem Zaun zu nahe kommt. Wie sollte die Kleine verstehen, dass sie sich vom Zaun fernhalten soll, wenn die Menschen es nicht taten?

 

Dieser Vorsicht verdanken wir die vielen Stunden, die wir bei Galine verbrachten und sie kennenlernten.

 

Alle Fotos entstanden spontan und in diesen ersten zwei Monaten auch ohne die Intention, mit ihnen ein Buch zu füllen. Aber dadurch geben sie alles genau so wieder, wie es war; nichts ist gestellt. Und so soll dieses Buch auch werden: es soll die Entwicklung eines Fohlens vom ersten Tag an aufzeigen. Wie schnell es wächst. Wie schnell es lernt. Was es braucht, um sich gesund entwickeln zu können. Was wir für es tun können und müssen.

 

In einer Hinsicht sind diese spontanen Bilder aber nicht sehr vorbildlich. Mein Sohn Carl hat auf den meisten Bildern, auf denen er Gwendoline reitet, keine Reitkappe auf. Natürlich sollte jeder Reiter normalerweise eine Kappe tragen; und hätte ich geahnt, dass diese Bilder einmal veröffentlicht und von Kindern angeschaut werden, hätte ich ihn gebeten, einen Helm zu tragen. Ansonsten ist es für mich in Ordnung, dass er es nicht tut, denn Gwendoline ist ein außergewöhnlich gelassenes Pferd, und Carl ist ein außergewöhnlicher Pferdemensch, in dessen Gegenwart sich alle Pferde sicher fühlen. Nichtsdestotrotz weisen Sie Ihre Kinder bitte darauf hin, dass  zu ihrer eigenen Sicherheit Reitkappen getragen werden müssen.

 

Ich hatte während Gwendolines elfmonatiger Tragzeit bereits alle auf dem Markt vorhandenen Bücher über Fohlen gelesen und immer wieder das Internet  nach Informationen über Fohlen durchsucht. Ich fand viele Erziehungsratgeber, die im Absetzeralter begannen. Auf viele meiner Fragen über die Geburt und den Umgang mit einem jungen Saugfohlen hatte ich aber keine Antwort gefunden. Möge dieses Buch nun helfen, erfahrenes Wissen weiterzugeben, damit andere es insofern leichter haben.

Galine, 12 Stunden alt

Allgemeines zu Fohlen und diesem Buch

 

Was ich mit diesem Buch auf jeden Fall nicht erreichen möchte: Dass nun jeder, der eine Stute besitzt, in die Versuchung kommt, diese decken zu lassen. Weil Fohlen ja soooo süß sind… Das Züchten sollte weitestgehend den Züchtern überlassen bleiben, und ein Fohlen gehört auf jeden Fall, ebenso wie eine tragende Stute und Pferde meiner Meinung nach im Allgemeinen auch nicht, in eine Box. Sie gehören in einen Offenstall und in eine Herde. Sie sind kein Spielzeug und sollten auf keinen Fall als ein solches betrachtet werden. Fohlen gehören auch nicht auf Ferienbauernhöfe und nicht in die Hand von Kindern. Sie sind auch keine Schmusetiere und sollten, wie jedes Pferd, vor allem eines: Als das Wesen, das sie sind, respektiert werden und ernst genommen werden in ihren Bedürfnissen. Welche das sind, möchte ich diesem Fotobuch noch voran stellen, um insofern neben den Bildern auch noch wichtige Informationen über Pferde zu vermitteln.

 

Unser Ideal - Pferde in freier Natur

 

Um Pferde artgerecht halten zu können - und auf dem Weg zu diesem Ziel befinden wir uns, seit wir unsere Pferde in Eigenregie versorgen - , sollte man sich zunächst anschauen, wie sie in der freien Natur leben und lebten. Denn unsere Pferde sind, auch wenn sie jetzt schon Jahrtausende mit uns Menschen leben, immer noch die Tiere, zu denen sie sich über Jahrmillionen von Jahren hinweg entwickelt haben.

 

Pferde sind Herdentiere, die in kleinen Herden leben – meistens bestehen diese aus einem Hengst, einer Leitstute und einer bis drei weiteren Stuten. Der Hengst sorgt für Nachkommen und beschützt seine Herde, indem er ihr folgt und sie gegen Angreifer verteidigt. Die Leitstute ist immer ein erfahrenes Pferd, das die Herde anführt und die Richtung bestimmt, in die gezogen wird. Zusammen mit weiteren Stuten ergibt sich eine Herdengröße von vier bis sechs Pferden, je nach Anzahl der Fohlen kurzzeitig auch mehr. Entsprechend sollten Pferde niemals alleine und auch nicht zu zweit gehalten werden; auch Gruppen von mehr als zehn Pferden führen immer wieder für einzelne Pferde zu Stress und Verletzungsgefahren. Um sich wohl und sicher zu fühlen, braucht ein Pferd einen festen Platz innerhalb eines festen Herdenverbandes. Tiefe Freundschaften prägen dabei das Miteinander in der Herde.

Hier geht unsere Gruppe auf etwas sichtlich Interessantes zu. Alle Ohren sind neugierig nach vorne gerichtet. Vorweg geht die Leitstute mit Fohlen bei Fuß, als letzter der "Hengst", bei uns natürlich ein Wallach.

Entsprechend haben auch wir immer zwischen vier und sechs Pferde im Stall. Unsere Pferde leben zusammen in einem Offenstall – sie dürfen sich also in allen Stallbereichen, auf dem Paddock, den angrenzenden Laufwegen und auf der Weide frei bewegen. Da unsere Heuraufe im Paddock steht und auch die Wasserstellen außerhalb des Stalles liegen, wird diese Art des Offenstalls auch Laufstall genannt. Die Pferde müssen laufen - sie sind ständig in Bewegung, um ihre Grundbedürfnisse nach Fressen zu befriedigen, und sie sind meistens zusammen unterwegs. Sie können ihre Freundschaften pflegen oder sich auch einmal für ein ruhiges Stündchen zurückziehen. In der Regel bleiben sie aber als Gruppe zusammen, fressen Nase an Nase und leben ihren festen Rhythmus.

Pferde bewegen sich überwiegend im Schritt, manchmal aber auch aus reiner Freude im Trab oder Galopp. Auch hier bildet unser Pegasus wieder das Schlusslicht, um für die Sicherheit seiner Herde zu sorgen.

Pferde sind Lauftiere - sie bewegen sich in freier Natur bis zu achtzehn Stunden am Tag auf der Suche nach Nahrung und Wasserstellen. Dabei legen sie bis zu dreißig Kilometer täglich zurück, überwiegend im Schritt. Ursprünglich kommen sie aus kargen Steppen, wo sie sich mühsam Halm für Halm suchen müssen. Darauf ist ihr Verdauungssystem ausgelegt: Permanent mit geringen Mengen von Nahrung, überwiegend Gräsern und Kräutern, gefüttert zu werden. Der Magen ist klein, der Darm mit einer Länge von bis zu 26 Metern sehr lang. Fette Weiden und Kraftfutter kennen frei lebende Pferde nicht, beides ist auch heute noch nicht gesund für sie und führt immer wieder zu Koliken und anderen gesundheitlichen Störungen. Besonders in Einzelhaltungen führen lange Fresspausen bei Pferden auch oft zu Langeweile und damit verbundenen Verhaltensstörungen wie Koppen oder Weben.

 

Leider können auch wir unseren Pferden diese großen Flächen mit mageren Gräsern nicht bieten, schon gar nicht in den dicht besiedelten Gebieten unseres Landes. Aber wir können dafür sorgen, dass sie sich ständig bewegen können und dabei langsam und rund um die Uhr fressen, indem wir ihnen das Heu, das neben dem Gras ihr Hauptfutter ist, aus Heunetzen füttern. Diese können so engmaschig sein, dass unsere Pferde, wie in freier Natur, wirklich den Großteil des Tages mit dem Fressen verbringen, ohne dabei jemals zu viel zu bekommen.

Es kann auch manchmal das Fohlen sein, das Wache hält, wie hier auf dem Bild

Pferde sind Fluchttiere - in freier Natur haben sie Feinde, vor denen sie nur sicher sind, wenn sie immer wachsam und fluchtbereit sind. Ihre Schnelligkeit sichert ihr Überleben. Was auch immer sie gerade tun - immer passt ein Pferd mit erhobenem Kopf auf, um die Sicherheit der Herde zu gewährleisten. Das kann, wie im Bild oben, sogar das jüngste Familienmitglied sein. Um immer schnell fliehen zu können, liegen Pferde nur für wenige Stunden, wobei die Tiefschlafphase, während derer sie flach auf der Seite liegen, meistens nur wenige Minuten dauert. Ansonsten stehen sie mit gesenkten Köpfen und einem angewinkelten Hinterbein ruhend zusammen. Am sichersten und wohlsten fühlen sich auf offenen Flächen, wo sie in alle Richtungen blicken können und mögliche Gefahren rechtzeitig erkennen. Schon deswegen gehören sie nicht in die Enge einer Box eingesperrt. Raubtiere leben in Höhlen (den Boxen ähnlich), Fluchttiere nicht. Es widerspricht ihrer Natur. Allerdings brauchen sie natürlich dennoch einen Unterstand, den sie freiwillig aufsuchen können - wenn es im Sommer sehr heiß ist und die Fliegen sie plagen, manchmal auch bei starkem Regen oder Schnee.

  

Diese beiden sind nicht auf der Flucht, sondern galoppieren mit freundlichem Gesicht auf etwas Bekanntes zu.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Pferde dann artgerecht leben, wenn sie in einem festen Herdenverband in einem Laufstall mit angrenzendem Laufweg, sogenannten paddock traisl, leben, in dem all ihre Grundbedürfnisse nach Sozialkontakten, freier Bewegung und permanenter Nahrungsaufnahme gewährleistet sind.

 

Die Vorgeschichte

 

Anfang 2006 suchten wir für unsere Familie einen Freiberger als Familienpferd. Der Freiberger ist eine Pferderasse aus dem Schweizer Jura und heute der letzte Vertreter des leichten Kaltblutpferdes in Europa. Freiberger sind quadratische, kompakte Pferde mit einem kräftigen Hals und ausdrucksvollem, edlem Kopf. Ihr Stockmaß beträgt zwischen 1,50m und 1,60m. Sie sind sehr vielseitig und gelehrig, haben einen klaren Kopf, sind charakter- und nervenstark und menschenbezogen, was sie zu einem idealen Familienpferd macht. Wir hatten zwei Freiberger kennengelernt in der Reitschule, in der unser ältester Sohn seine ersten Reitstunden hatte, und sie hatten uns sehr gut gefallen.

 

Mit diesen Vorstellungen suchten wir auch unser Pferd: Es sollte klar im Kopf sein, mindestens sechs bis acht Jahre alt und gut geritten. Carl war damals erst elf Jahre alt, unser Jüngster erst vier. Außerdem sollte es zuverlässig einspännig zu fahren sein, denn ich hatte gerade erst den Fahrschein Klasse IV gemacht. Doch als wir dann auf der Suche nach einem solchen Freiberger, der für uns alle sein sollte, Gwendoline sahen, verliebten wir uns sofort in sie; obwohl sie noch nicht einmal vier Jahre alt war und erst seit wenigen Wochen unter dem Sattel. Aber sie hatte ein wunderschönes Gesicht mit sehr ausdrucksvollen Augen, hatte dreieinhalb unbeschwerte Jahre auf der Fohlenkoppel hinter sich und hatte noch das, was wir bei einem Baby das Urvertrauen nennen. Sie wurde unser Pferd und fünftes Kind.

 

Unsere Kinder und Gwendoline im Sommer 2006

Wir hatten das Glück, ein Jahr zuvor zusammen mit unserem Baugrundstück Weideland kaufen zu können. So leben unsere Pferde Gwendoline und unser bayrischer Warmblutwallach Pegasus, den wir im Jahr 2009 für Carl kauften, zusammen mit den Pferden von Freunden in einem Laufstall bei uns am Haus, wo wir sie selber versorgen.

Gwendoline erfüllte immer all unsere Erwartungen. Sie entwickelte sich zu einem guten und zuverlässigen Reitpferd und wird von uns ein- und mit Pegasus zusammen auch zweispännig gefahren. Sie ist absolut klar im Kopf und charakterlich einwandfrei.


 

 

Der Traum von einem Fohlen

 

Wir hatten uns schon seit Jahren ein Fohlen von Gwendoline gewünscht. Für sie, damit sie einmal Mama sein darf, und für uns alle. Wir wollten das Wunder Pferdekind einmal ganz nah erleben. Es hatte allerdings viele Überlegungen und Vorarbeiten gebraucht, bis wir uns den Wunsch tatsächlich erfüllen konnten und bis wir die idealen Voraussetzungen für die gesunde Entwicklung eines Fohlens geschafft hatten.

Was Fohlen brauchen - Sie brauchen, wie alle Pferde, viel Licht, Luft und Raum zur Bewegung; außerdem sollte es die Möglichkeit geben, dass Mama und Fohlen die ersten Wochen alleine sein dürften. Unser Laufstall bekam daher einen Anbau, so dass wir ihn nun in zwei Stallbereiche für je mindestens drei Pferde unterteilen konnten. Die Koppel hinter dem Stall versahen wir mit einem Laufweg, der außen um sie herum führte, so dass sich innen eine kleinere Koppel bildete. Beide Bereiche, der Laufweg mit kleinen Wiesenstückchen und die Koppel in der Mitte, konnten jeweils mit einem Teil des Stalles verbunden werden. Die kleine Koppel gehörte zu dem hinteren, neuen Stallbereich, den wir bald Fohlenstube nannten. So war sichergestellt, dass niemand von der Straße aus an unser Fohlen herankommen konnte. Das sollte, wie bereits oben erwähnt, später noch deutlich wichtiger werden, als wir es uns vorab vorgestellt hatten.

 

Außerdem brauchen Fohlen große Koppeln. Ich hatte gelesen, dass diese mindestens zweihundert Meter lang sein sollten, damit die Kleinen in ihrem Bewegungsdrang richtig rennen können, ohne ständig wieder bremsen zu müssen. Das ist wichtig für die Entwicklung ihrer Lungen und ihres Gelenk-, Bänder – und Sehnenapparates. Nach langem Bitten meinerseits stellte unser Nachbar uns Ende des Jahres 2009 eine Koppel mit der erforderlichen Länge und einem Hektar Größe zur Verfügung. Für den Münchener Süden, wo wir leben, ist das eine riesige Koppel, da Flächen hier sehr knapp sind. Keine Koppel bei uns im Ort ist so groß, und wir sind bis heute sehr glücklich.

Unsere Pläne konkretisierten sich also im Frühjahr 2010, als Gwendoline bereits mehr als vier Jahre ein Teil unserer Familie war und mit acht Jahren auch eine nicht mehr ganz junge Mutter sein würde.

Wie unser Fohlen sein sollte - wir hatten recht genaue Vorstellungen: Es sollte, so war unsere Idee, gerne etwas größer als Gwendoline werden, mehr Vorwärtsdrang haben, weniger Hals, ausdrucksvollere Gänge. Dass Gwendoline ihrem Baby ihren klaren Kopf und ihren wachen Verstand mitgeben würde, haben wir nie bezweifelt.

Natürlich sollte sie einen Freiberger als Vater bekommen.

Nachdem wir den Hengstkatalog der Schweizer Freiberger gründlichst studiert hatten, haben wir den Hengst Népal ausgesucht. Népal ist mit 50% Fremdblut (sein Vater Noé ist ein Warmblut) deutlich leichter und sportlicher als Gwendoline und bekam bei der Hengstleistungsprüfung für seine Gänge die Bestnote 9. Er hatte seinerzeit beim Stationstest der jungen Hengste 164 Punkte erzielt, die höchste Punktzahl eines Freiberger Hengstes gemäß Hengstkatalog 2008. Für ihn sprach auch, dass er dem Schweizer Nationalgestüt gehört und wir über das Landgestüt Celle Tiefgefriersamen bestellen konnten, die direkt zu unserem Tierarzt geschickt wurden. Das war mir sehr wichtig. Da Gwendoline, obwohl sie äußerlich nicht so aussieht, ein sehr sensibles Pferd ist, kam es für uns nicht in Frage, sie zum Decken in die Schweiz zu fahren. Mit einer solchen Umstellung hätten wir ihr sicher keinen Gefallen getan.

Die künstliche Besamung hat auch den Vorteil, dass Gwennie denken könnte, ihr Freund Pegasus, unser Herdenchef, sei der Vater ihres Fohlens. Die beiden hängen nämlich sehr aneinander….

Wie unser Fohlen entstand - Mitte Mai letzten Jahres wurde Gwendoline rossig, und wir schafften es, sie am 16. Mai mittags mit einer Follikelgröße von bereits 4,6 cm zu unserem Tierarzt zu bringen. Er schallte dann alle vier Stunden und besamte am nächsten Morgen um 5 Uhr, so dass wir sie bereits am gleichen Vormittag wieder abholen durften.

Am 2. Juni ergab die erste Ultraschalluntersuchung, dass Gwendoline tatsächlich aufgenommen hatte. Eine zweite Untersuchung machten wir drei Wochen später, um zu schauen, ob es nur ein Baby war. Alles bestens.

Ultraschallbild unseres Fohlens vom 23. Juni

Welch ein Wunder: der Samen war vom Januar 2003. Er war tiefgefroren vom Schweizer Nationalgestüt Avenches nach Celle transportiert worden, dann von dort zu unserem Tierarzt nach Oberbayern, wo er wochenlang gelagert wurde. Und dieser Tierarzt hat es tatsächlich geschafft, innerhalb dieses kleinen Zeitfensters von wenigen Stunden, in dem die Tiefgefrier – Besamung nur möglich ist, das Unmögliche zu schaffen!

Gwendolines Tragzeit verlief vollkommen unkompliziert. Bis Ende März ritten und fuhren wir sie, danach ging sie nur noch auf Schrittausritte ohne Sattel oder als Handpferd mit ins Gelände. Wir gingen auch viel mit ihr spazieren oder ließen sie neben dem Fahrrad laufen. Sie war topfit und wirkte sehr glücklich. Sie ruhte in sich. Im letzten Viertel ihrer Tragzeit wurde sie herrlich kugelig und lebte dennoch ganz normal mit der Herde. Sie schaffte es sogar manchmal noch, ausgelassen herumzubuckeln oder mit der Gruppe über die Koppel zu jagen. Außer etwas mehr Mineralfutter und vielen Möhren wurde sie nicht anders versorgt als sonst auch.

 

Das Warten auf die Geburt 

Ende März dann stellte eine Freundin, die ihr Leben mit Pferden verbracht hat und schon bei vielen Geburten geholfen hat, fest, dass alle Anzeichen für eine baldige Geburt bereits vorhanden seien. Die Beckenbänder waren ganz weich, der Euter vergrößert, die Scheide hatte ihre Form verändert und Gwendolines Gesichtsausdruck war weich und in sich gekehrt.

Wir begannen daraufhin, Gwendoline nachts alleine in der Fohlenstube zu beherbergen und dort zu überwachen. Mein Mann installierte uns zwei Kameras, die wir wochenlang im Ein- bis Zweistundentakt nachts im Schlafzimmer anschauten. Damals wussten wir noch nicht, dass der Abstand von zwei Stunden für eine Pferdegeburt viel zu lang war. Als Fluchttiere benötigen Pferde für die ganze Geburt nicht mehr als eine halbe Stunde. In freier Natur müssen sie dann auch gleich wieder mit der Herde mitlaufen können….

Zum Glück wusste Gwendoline nichts von den Kameras. Im Stall war es, obwohl es auf den Fotos der Kameras nicht so aussieht, dunkel. Wir ließen sie bis zum letzten Tag tagsüber mit der Gruppe zusammen und stellten sie nur nachts in ihre Abfohlbox mit angrenzendem Paddock.

Wochenlang warteten wir. Nichts weiter passierte. Ihre Temperatur, die, sobald sie um mehr als 0,4 Grad abfällt, ein guter Indikator für eine bald bevorstehende Geburt ist, war jeden Abend konstant bei 37,9 Grad. Die Anzeichen waren da, veränderten sich aber nicht. Bis am 24. April abends, eine Woche nach dem errechneten Termin, plötzlich die Milch zu laufen begann. Daraufhin saß ich dann die ganze Nacht am Bildschirm, aber weiterhin passierte nichts. Gwendoline schlief immer noch auf der Seite und lag viel.

Auch am nächsten Tag war Gwennie wie immer. Sie war sehr anhänglich geworden in den letzten Wochen, und manchmal wollte sie, dass ich bei ihr bleibe. Sie war viel in unserem Garten und lief nochmals eine kleine Runde als Handpferd mit.

diese Bilder entstanden zu Beginn der Geburt

Die Geburt

Da ich inzwischen vollkommen übermüdet war, übernahm unsere Tochter Emily, die Gwendoline auch seit zwei Jahren reitet und 12 Jahre alt ist, die nächste Nachtwache. Bis zwei Uhr hielt sie durch und bemerkte keine Veränderung bei Gwendoline. Sie war ruhig wie immer, und auch ihre Temperatur war abends nur auf 37,7 Grad runtergegangen. Anschließend ließ ich die Kamera nicht aus den Augen, saß mitten in der Nacht vor meinem Computer und wartete, dass etwas passiert. Und dann ging es plötzlich ganz schnell. Gwendoline trat sich gegen 4:20h einmal mit dem Hinterbein gegen den Bauch (s. Foto), ihr Bauch hob sich mit einer Wehe stark an und sie legte sich hin. Sofort weckte ich die ganze Familie und rief die bereits erwähnte Freundin an. Als wir wenige Minuten später in den Stall kamen, war bereits die Eihülle zu sehen und kurz darauf die beiden Vorderbeine. Dennoch stand Gwendoline immer wieder auf, spazierte noch einmal durch ihr Paddock und legte sich dann final hin. Sie begann zu pressen und hatten einige Presswehen in kurzen Abständen, ohne dass das Fohlen vorankam. Unsere Freundin wurde unruhig, meinte, die Geburt dauerte zu lange, wir müssen ganz schnell helfen, damit unser Fohlen nicht im Geburtskanal erstickt. Sie zog dann mit all ihrer Kraft an den kleinen Fohlenbeinen, stemmte sich mit ihren Beinen bei Gwendoline ab – und schaffte es schließlich, das Fohlen mit einer weiteren Presswehe herauszuziehen.
Gwendoline brauchte anschließend eine Weile, bis sie sich erholt hatte. Sie stand nicht auf und wälzte sich mehrfach, weil sie offenbar noch starke Schmerzen hatte. Aber als wir ihr das Fohlen dann vor die Nase legten, begann sie sofort, es abzulecken. Und von da an verlief alles bilderbuchmäßig. Die Kleine kam innerhalb einer halben Stunde auf die Füße und fand sofort das Euter. Gwennie ließ sie ruhig trinken, als habe sie das alles schon erlebt. Offenbar hatten wir sie gut vorbereitet, denn wir hatten sie über Monate hinweg an die Berührung ihrer Euter gewöhnt.

Eine halbe Stunde später ging mit einer einzigen Wehe die Nachgeburt ab. Und kurz darauf drückte Galine auch schon das erste Kindspech heraus; da wir Gwendoline in der Woche vor der Geburt mit dem Futter täglich ca 30 g Salz gegeben hatten, wurde Galine es schnell und unkompliziert los.

Am spätem Vormittag kam unser Tierarzt, um die Vollständigkeit der Nachgeburt zu prüfen und das Fohlen anzuschauen. Er kam zu keinem anderen Ergebnis als wir: alles bestens!

 

Fazit: Jede schlaflose Nacht hat sich mehr als gelohnt. Unsere Freundin sagte, dass Gwendoline ihre Tochter vielleicht alleine nicht schnell genug zur Welt hätte bringen können. Sie hatte irgendwie im Geburtskanal festgesteckt. Außerdem war sie sehr groß – ihre Beine waren schon fast so lang wie die ihrer Mama. Unsere Galine war endlich da! Wir waren sehr glücklich!

 

Aber nun soll sie selber erzählen….