Der vierte Tag oder: Erziehung muß sein

 

So langsam werde ich groß! Das Gras interessiert mich schon sehr, und wenn ich meine Vorderbeine weit genug spreitze, dann kann ich schon die ersten Halme abzupfen und kauen, das schmeckt sehr gut! Meine Zähne, die am Tag meiner Geburt noch nicht zu sehen waren, kommen jetzt schon raus, und ich kann die Grashalme sogar schon abbeißen! Ich lerne alles, in dem ich mir anschaue, was Mama macht. Und wenn Mama grast, dann grase ich nun auch.

Wenn mir das aber zu mühsam und zu langweilig wird, fange ich an, meine Muskeln zu trainieren und meiner Mama davon zu laufen! Da muss sie ganz schön schnell rennen, um noch hinter mir her zu kommen. Ich bin nämlich schon wirklich flink!

Überhaupt macht es mir Spaß, ein wenig frech zu sein! Ich tobe gerne ausgelassen über die Koppel und hüpfe im Kreis herum wie ein Wildpferd und trete mit meinen Beinen in alle Richtungen. Manchmal treffe ich dann auch Mama, aber die stört das nicht. Sie findet mich immernoch einfach nur toll und schimpft nie mit mir.

Heute muss ich dann aber mitanhören, wie meine Menschen sagen, sie haben ein Erziehungsproblem mit mir. Ein Erziehungsproblem mit mir, nach nur drei Tagen? Nur, weil ich ein bißchen steige vor ihnen und manchmal ganz plötzlich nach hinten auskeile. Und weil ich mit meinen Lippen an ihren Sachen ziehe und – naja - zugegebenermaßen manchmal auch hineinbeiße. Offenbar sind sie tatsächlich der Meinung, sie haben mit mir schon ein Erziehungsproblem!

Sie schicken also Carl zu mir. Carl soll das mit mir klären. Carl ist von sehr ruhiger Art und weiß mit uns Pferden umzugehen. Ich habe schon gesehen, wie Pegasus, der große Wallach und Chef unserer Herde, Carl folgte, ohne dass er ein Halfter anhatte. Alle Pferde sind immer respektvoll ihm gegenüber, wenn er nur da ist, und tun, was er will.

Carl kommt also zu mir und hält mich leicht fest. Das kenne ich ja schon, und weil er mich, während er mich mit einer Hand vor der Brust hält, am Widerrist krault, wo es sich so besonders schön anfühlt, bleibe ich auch brav stehen. Dann aber beschließe ich, dass ich lieber mit Carl spielen möchte. Also ziehe ich mit meinen Zähnen an seinem T - Shirt ....

Carl aber scheint nicht mit mir spielen zu wollen. Er sagt laut "nein" und hebt den Finger, und ich merke an seinem Tonfall, dass ich, wenn er den Finger hebt, aufpassen muss. Also passe ich auf. Ich packe dann allerdings doch noch mal schnell sein Shirt – und plötzlich kommt seine Hand genauso schnell zurück und trifft mich an der Brust. Nicht, dass das weh tut, aber es überrascht mich doch. Er scheint es tatsächlich ernst zu meinen, dass ich das nicht darf und er nicht mit mir spielen will. Also springe ich schnell einen Meter zurück und tue das auch nicht mehr.

 

Ich verstehe Carl natürlich, denn er spricht die Pferdesprache. Wäre ich schon in unserer Herde und nicht mit Mama alleine, dürfte ich auch nicht so frech zu anderen Pferden sein. Ich wäre die letzte in der Rangfolge und dürfte den ranghöheren Pferden nicht zu nahe kommen. Wäre ich zu ihnen so frech wie zu Carl, würden sie mich treten oder wenigstens die Ohren anlegen und mich wegjagen. Das ist die Sprache, die ich verstehe und die alle Pferde verstehen. Manche Menschen verstehen sie auch, so wie Carl.

Aber irgendwie ist es mir doch nicht recht, mich so schnell unterzuordnen. Ich bin noch jung und möchte noch einmal ausprobieren, wie weit ich gehen darf. Ich möchte endlich, dass Carl mein Spielkamerad ist! Also wage ich einen letzten Versuch und schlage heftig in Carls Richtung aus. In der Pferdesprache heißt das: spiel jetzt endlich mit mir!

Carl versteht meine Aufforderung, aber was macht er? Er springt blitzschnell auf mich zu und tritt mit seinem Fuß gegen meinen Po! Sein erhobener Finger und sein laut gesprochenes "Nein" sagen mir, dass ich mich jetzt endlich benehmen soll. Was ich nun auch tue. Offenbar ist er nicht mein Spielkumpel, sondern mein Chef. Ich muss mich ihm gegenüber respektvoll benehmen. Immerhin weiß ich das jetzt.

 

Einem Chef zu folgen liegt in meiner Natur als Pferd. Als ein Herdentier fühle ich mich wohl, wenn es einen Chef gibt, der mir Sicherheit gibt und mich beschützt.

 

Carl scheint mir zum Glück nicht lange böse zu sein. Er kniet sich hin und ruft mich, und so gehe ich wieder zu ihm. 

 Er streicht nun immer mit seinen Händen an meinen Beinen entlang und bittet mich, ihm ein Vorderbein zu geben. Jedenfalls verstehe ich das so. Und das scheint auch richtig zu sein, denn er spricht anschließend sehr lobend mit mir und krault mich dann noch ganz lange am ganzen Körper. Das ist so schön. Ich soll nun also lernen, ihm meine Beine zu geben. Das ist keine schwere Aufgabe, und ich kann sogar schon ganz gut auf drei Beinen stehen. Es ist ja auch nur für kurz.

Als wir dann fertig sind, lege ich ihm meinen Kopf auf die Schultern und schließe die Augen, um ihm zu zeigen, wie gerne ich ihn habe und wie wohl ich mich bei ihm fühle. Ich hoffe, er hat das verstanden.

Wir Pferde sind ganz friedliche Tiere. Wenn wir einmal wissen, wo wir stehen, also welchen Rang in der Herde wir haben, dann sind wir damit glücklich und verhalten uns entsprechend. Ganz kleine Signale reichen nun für unsere Kommunikation aus, und wir alle fühlen uns wohl miteinander.