Tag 1 - Mein Geburtstag

 

An die Zeit vor meiner Geburt kann ich mich leider nicht erinnern. Sonst hätte es mich sicher gefreut zu sehen, wie sehnsüchtig ich erwartet werde. Denn sowohl für meine Mama als auch für meine Familie bin ich das erste Fohlen. Entsprechend ungeduldig sind alle.

meine Mama kurz vor meiner Geburt

Für meine Mama muss es eine schöne Zeit gewesen sein. Sie hatte in den letzten Wochen ganz viele Sonderrechte. So durfte sie jeden Tag in den Garten unserer Familie gehen, zu den Hühnern und Meerschweinchen, wo das Gras besonders saftig war. Immer wieder kam jemand zu ihr und sagte ihr, wie schön sie aussehe, so kugelrund. Sie war wirklich kugelrund.

Sie war so rund, dass Emily irgendwann beschloss, sie lieber nicht mehr zu reiten, sondern mit ihr spazieren zu gehen. Und sie gingen nicht einfach so spazieren, nein, sie gingen an ganz besondere Orte, wo es besonders schön war. Dort suchte Mama für mich die schönsten Gräser zusammen, damit ich in ihrem Bauch besonders gut versorgt werde.

unsere Herde, im Hintergrund der Stall und das Haus meiner Familie

Und ich wurde gut versorgt! Als ich am 26. April endlich geboren werde, bin ich schon groß und kräftig. Ich bin so kräftig, dass ich schon nach einer halben Stunde auf meinen vier langen Beinen stehen kann. Aber seht selbst....

Hier bin ich gerade aus Mamas Bauch gekommen. Meine Menschen haben mich hochgehoben und neben Mamas Kopf gelegt, denn Mama ist noch zu schwach, um sofort aufzustehen.

Aber Mama beginnt sofort, mich abzulecken.

Kaum dass Mama auf ihren Beinen steht, beginne auch ich, mich zu bewegen, um meine Muskeln auszuprobieren.

Als Pferdekind muss ich schnell auf die Beine kommen. Denn wenn wir in freier Wildbahn lebten, müsste ich vielleicht schon in wenigen Minuten vor einem Berglöwen fliehen können....

Ich strecke also meine Beine in alle Richtungen und hebe meinen Kopf. Bei Mama im Bauch war es immer eng, aber jetzt geht das schon ganz gut.

Trotzdem muss ich mich zwischendurch noch mal wieder ausruhen.

Mama ermuntert mich aber bald wieder, es weiter zu versuchen. Sie verstärkt ihr Lecken und stupst mich an.

Am Ende ist Mama ganz verwundert, wie schnell ich bin. Sie quiekt immer wieder, aber ich verstehe nicht, was sie mir damit sagen möchte.

Geschafft! Eine halbe Stunde bin ich alt, und endlich stehe ich auf meinen vier Beinen.

Mama leckt mich immernoch, das tut so gut und regt meine Durchblutung an. So langsam kommt Leben in mich!

Ich sortiere meine Beine und kann dann sogar gleich laufen; erst noch ein wenig wackelig, aber bald schon ganz zielstrebig! Ich gehe an Mamas Seite entlang, und sofort finde ich Mamas Milchquelle und trinke mich erst einmal so richtig satt. Mamas Milch ist warm und schmeckt so gut! Mir ist nämlich immernoch kalt, weil ich noch ganz nass bin.

So langsam fange ich an, mich umzuschauen. Wer ist da auf der anderen Seite von Mama? Was ist das für ein Gerät, das immer klick klick macht?

Nachdem ich satt bin, gehen wir hinaus auf unser Paddock. Mama  zeigt mir alles. Die anderen Pferde unseres Stalles, zwei Wallache und eine junge Stute, regen sich mächtig auf, als sie mich das erste Mal sehen. Sie galoppieren am Zaun entlang, steigen auf ihre Hinterbeine und wiehern immer wieder. Ich kann ihre Aufregung gar nicht verstehen – sie müssen doch gewußt haben, dass ich bald kommen würde?

eine Stunde alt, auf dem Weg ins Freie

Als ich müde werde, führt Mama mich wieder in den Stall und überwacht meinen Schlaf.

Mama ist noch immer ganz beglückt und schnuffelt immer an mir herum. Das fühlt sich schön an, denn ihre Nase ist ganz weich.

Am ersten Vormittag schlafe ich sehr viel, denn meine Geburt ist anstrengend gewesen. Ich stehe nur auf, um kurz zu trinken, und dann bin ich schon wieder müde. In Mamas Bauch habe ich ja auch die meiste Zeit geschlafen.

Und ich schlafe auch immer sofort ein. Das Stroh ist so warm und gemütlich.

Als ich wieder aufwache, schaue ich mich erst einmal um. Elf Monate bin ich im Dunkeln von Mamas Bauch gewesen, und nun ist alles so neu und ich muss mir erst einmal alles anschauen. Und natürlich habe ich auch sofort wieder Hunger.... An diesem ersten Tag trinke ich jede Viertelstunde einmal!

Mama bleibt immer genau neben mir. Auch sie muss sich noch ausruhen nach den Aufregungen der Geburt. Sie hat ja auch nicht gewußt, was da mit ihr passiert, bis ich plötzlich vor ihr lag.

Hallo, hier bin ich nun also, bereit, die Welt kennen zu lernen!

Am Nachmittag darf ich dann zum ersten Mal mit Mama auf die Koppel hinter unserem Stall. Mama sieht mich immer wieder verwundert an und ist so glücklich.

Sie passt auch ganz gut auf mich auf und ist sehr stolz auf mich!

Mir gefällt es hier draußen gut. Da gibt es so viel zu sehen. Die Blumen auf der Wiese duften so schön, und die Sonne ist ganz warm auf meinem Fell. Mir ist gar nicht mehr kalt, und ich fühle mich so richtig wohl!

Am selben Nachmittag, als ich noch nicht einmal 10 Stunden alt bin, kann ich dann sogar schon galoppieren! Immer wieder galoppiere ich um Mama herum, und es geht immer besser!

So geht es den ganzen ersten Tag lang. Schlafen, Trinken, Herumgaloppieren, Schlafen, Trinken, Herumgaloppieren. Schlafen! Ich schlafe so fest, dass ich nicht einmal aufwache, als Emily ganz viele Blumen auf mich legt.

Am Abend habe ich schon viel gesehen. Unseren Stall, das Paddock, unsere Wiese am Stall und die anderen Pferde. Alles gefällt mir sehr gut. Vor allem dürfen wir immer machen, was wir wollen, und hingehen, wo wir wollen. Das scheint ein schönes Leben zu werden!