Mein großer Tag 

Im Juli bin ich nun schon drei Monate alt. Ich habe schon so vieles gelernt: beim Putzen angebunden zu werden und dabei ruhig neben meiner Mama stehen zu bleiben und mir brav alle vier Hufen auskratzen und abspritzen zu lassen. Immer, wenn meine Menschen mir etwas Neues zeigen oder etwas Neues von mir wollen, kraulen sie mich gleichzeitig, damit ich alles mit einem guten Gefühl verbinde. Das scheint eine gute Idee  zu sein, denn ich freue mich über alles, was sie mit mir machen.

Außerdem habe ich inzwischen gelernt, brav am Strick zu laufen; ich achte darauf, wie schnell meine Menschen laufen und bleibe mit meiner Nase immer genau neben ihnen. Wenn wir auf Straßen sind, darf ich nun leider nicht mehr frei laufen, sondern sie nehmen mich jetzt als Handpferd. Ich gehe dann neben Mama und fühle mich schon richtig groß!

Wenn wir aber im Wald oder auf offenen Feldern sind, darf ich immernoch machen, was ich möchte. Das macht am meisten Spaß!

Immer wieder habe ich gehört, wie meine Menschen von einer Zuchtschau sprechen. Ich müsse dort vorgeführt werden, sagen sie, damit ich Papiere und einen Equidenpass bekomme. Sie sagen, jedes Pferd muss einen solchen Pass haben, und da ich so besondere Eltern habe (meine Mama ist im Schweizer Herdebuch eingetragen, und mein Papa gehört dem Schweizer Nationalgestüt), soll ich auch Papiere bekommen. Und dafür müsse ich bei einer Fohlenschau den Richtern vorgestellt werden. Ich kann mir das alles noch nicht so richtig vorstellen, aber ich spüre, dass Mama und ich noch wichtiger sind als sonst.

Ich bekomme als erstes ein neues Halfter. Das ist ganz leicht und mit weichem Leder unterlegt. Es ist weiss, und auf dem Nasenriemen steht mein Name. Es gefällt mir sehr.

Zwei Wochen vor meinem großen Tag steht eines Tages auf unserem Laufweg  ein Pferdeanhänger. Ich habe gehört, dass Sigrid sagte, wir müssten jetzt üben, in den Hänger zu gehen. Mama möge nicht Hänger fahren, sagte sie. Früher wollte sie wohl nie in den Hänger hinein gehen und hat immer totales Theater gemacht. Deshalb hat Sigrid uns nun den Hänger auf den Laufweg gestellt, damit Mama und ich uns in Ruhe an ihn gewöhnen können.

Ich finde den Hänger prima. Er ist hell und freundlich, auf dem Boden liegen ganz viele weiche Sägespäne und zu meiner Freude hängt vorne ein Heusack. Ich bin neugierig und gehe sofort hinein.

Mama muss sich wohl sehr erschreckt haben, dass ich alleine im Hänger stehe, denn sie kommt sofort hinter mir her.

Da es mir in dem Hänger gut geht, zögert sie auch nicht lange und folgt mir. Wir fressen dann ganz gemütlich Seite an Seite unser Heu.

Der Hänger bleibt nun hier stehen, und wir dürfen immer alleine ein und aussteigen, solange Sigrid in der Nähe ist. Jeden Morgen bekommt Mama nun ihren Hafer in dem Hänger, und sie geht auch immer sofort hinein.

Nach ein paar Tagen ist eine Trennwand im Hänger, und Mama und ich müssen jeder auf eine Seite gehen. Das macht aber nichts, denn nun gibt es auch zwei Heusäcke!

Weitere drei Tage später werden wir dann während des Fressens am Halfter festgebunden, und hinten wird die Klappe hoch gemacht und die Plane zugezogen. Gleichzeitig kommt Sigrid vorne durch eine kleine Tür herein und spricht mit uns. Sie sagt, dass wir keine Angst haben müssen, dass wir nur üben müssen, ein paar Minuten still stehen zu bleiben. Ich finde das auch gar nicht schlimm, Mama ist ja neben mir, und das Heu schmeckt mir auch im Hänger richtig gut!

Mama wird nun jeden Tag geritten, oft auch von Carl. Ich höre, wie sie sagen, dass Mama noch etwas abnehmen müsse. Sie sei noch zu dick nach ihrer Schwangerschaft. Außerdem solle sie noch ein paar Muskeln bekommen, damit sie richtig gut aussieht. Denn Mama muss auch mit, und das nicht nur wegen mir: Sie muss ins bayrische Zuchtbuch eingetragen werden, damit ich meine Papiere bekommen kann. Für mich klingt das sehr kompliziert. Aber ich finde es schön, dass mein großer Tag auch Mamas großer Tag sein wird!

Außerdem habe ich ja auch immer Spaß, wenn Mama geritten wird. Über die Baumstämme auf unserer großen Koppel springe ich so gerne!

Am Tag vor unserer großen Reise wird Mama einschamponiert, und Emily flechtet meine Mähne ein. Ansonsten ist aber alles wie immer. Auch am nächsten Morgen fressen wir wie immer Heu und Hafer im Hänger, werden festgebunden und hinten wird die Klappe verschlossen. Erst als der Hänger sich bewegt, merke ich, dass wir fahren. Das ist aber auch gar nicht schlimm und wackelt nicht sehr. Ich bin zwar ganz eng angebunden, damit ich meinen Kopf nicht unter den Strick bekommen und mich verletzten kann, aber das macht nichts, denn der Heusack ist direkt vor meiner Nase.

Wir fahren eineinhalb Stunden lang. Zweimal halten wir kurz an, und Emily oder Carl schauen, ob es uns gut geht. Und uns geht es wirklich gut!

Nachdem wir ausgestiegen sind, müssen wir erst noch einmal  geputzt werden, und meine Mähne wird neu eingeflochten.

Anschließend gehen wir zum Schauplatz. So viele Menschen und Pferde habe ich noch nie so dicht zusammen gesehen!

Plötzlich bin ich schrecklich aufgeregt. Obwohl Mama ganz ruhig ist, steige ich immer wieder auf meine Hinterbeine. Und dann passiert etwas, vor dem Sigrid immer Angst hatte. Sie hat in den ersten zwei Monaten meines Lebens immer gesagt, dass sie mich nicht am Strick halten will, weil sie Angst hat, ich könnte steigen, dabei hinten über fallen und mich am Genick verletzen. Und genau das passiert heute, als sie gerade nicht da ist. Ich steige, verliere mein Gleichgewicht und stürze hintenüber auf den harten Steinboden. Mein Sprunggelenk ist aufgescheuert und tut weh, und ich bin so erschrocken!

Schnell laufe ich zu Mama und trinke zu meiner Beruhigung. Carl und Emily sind auch sehr erschrocken, und um uns zu schonen, gehen sie jetzt erst einmal ein Stückchen aus dem Trubel heraus.

Mir geht es gar nicht mehr gut. Ich bin unsicher und möchte mich am liebsten unter Mamas Bauch verstecken.

Mama hat heute leider wenig Verständnis für mich. Sie verbietet mir immer mal wieder, bei ihr zu trinken! Das habe ich noch nie erlebt! Sie hebt das Hinterbein, legt ihre Ohren an und sagt mir, dass ich nicht trinken darf! Ich bin traurig und suche Trost bei Carl.

Gegen elf Uhr müssen wir zum ersten Mal in den Ring. Ich weiss gar nicht, was ich machen soll, und laufe einfach neben Mama her.

Wir müssen auf einem Reitplatz erst im Schritt und dann im Trab vorgeführt werden. Die Richter schauen uns von allen Seiten an.

Nach dieser ersten Runde gehen Mama und ich in eine Box. Ich war noch nie so eingesperrt und fühle mich überhaupt nicht gut. An beiden Seiten stehen fremde Pferde. Mama findet das offenbar gut, denn sie rosst gleich ihren Nachbarn an, einen großen schwarzen Wallach. Nach mir fragt niemand. Ich mag das Heu nicht fressen und traue mich nicht, mich hinzulegen. Irgendwann kommt Sigrid mit einer Frau vom Zuchtverband, die mich ganz genau anschaut und aufschreibt, wo ich überall weiße Abzeichen, weiße Füße und Wirbel habe. Dann fängt sie an, mir das Fell an einer Stelle am Hals weg zu rasieren. Im nächsten Moment sticht sie dort mit einer dicken Nadel hinein, das tut weh! Aber der Schmerz ist gleich vorbei, und Sigrid krault mich zur Besänftiung. Die beiden freuen sich, denn nun habe ich einen Chip im Hals. Damit bin ich eindeutig gekennzeichnet, sagen sie. Jedes Fohlen muss einen solchen Chip haben. Wenigstens habe ich das nun hinter mir!

 

Am Nachmittag müssen wir noch einmal vor den Richtern laufen. Ich habe gar keine Kraft mehr.

Hier sind meine Noten, die ich heute bekommen habe. Die höchste Note, die es gibt, ist die 9. Ich bin zwar leider nicht das Siegerfohlen, aber ich glaube, meine Noten sind gar nicht so schlecht!

Anschließend gehen wir sofort zum Hänger. Zum Glück ist Mama brav und steigt sofort zu mir ein. Ich bin so erschöpft und später so froh, als wir nach zwölf Stunden endlich wieder zuhause ankommen!

Sofort lege ich mich ins Stroh und schlafe ein.

Ich schlafe so tief und fest, dass ich nicht bemerke, wie Sigrid mich immer wieder fotografiert. Und ich höre auch nicht, dass Mama hinaus auf die Koppel geht. Das ist ein anstrengender Tag gewesen!