Die Bildung unserer Herde 

In den ersten vier Wochen meines Lebens habe ich die anderen Pferde unserer Herde nur durch den Zaun gesehen und lebe alleine mit Mama. Sigrid sagt, ich bin noch zu klein, um schon mit der Gruppe mitlaufen zu können. Sie möchte kein Risiko eingehen, dass ein Pferd mich tritt oder Mama mich versehentlich in ihrer Aufregung über den Haufen läuft. Denn auch meine Mama duldet kein anderes Pferd in meiner Nähe, nicht einmal, wenn der Zaun zwischen uns ist. Immerhin erlaubt sie nach vier Wochen aber schon, dass ich alleine am Zaun auf der Nordseite unseres Stalles bin und vorsichtig Kontakt mit den anderen Pferden aufnehme.

 

Heute, am 22. Mai, macht meine Familie einen erneuten Versuch, wie weit es schon möglich ist, uns beide mit den anderen anzunähern. Denn wir sollen uns langsam aneinander gewöhnen.

Also darf Pegasus heute zum ersten Mal auf den Laufweg, während wir auf unserer Koppel innerhalb des Laufweges sind; ich freue mich sehr, ihn dort zu sehen, und laufe fröhlich zu ihm hin.

Mama aber ist sofort alarmiert und trabt schnell hinter mir her. Sie sagt mir, ich solle sofort zur Seite gehen, damit ich hinter ihr Schutz habe. Dann beschnuppert sie Pegasus über den Zaun hinweg und quiekt laut.

Sie legt die Ohren an und drängt mich von Zaun weg. Wie schade!

Anschließend giftet sie dann in Pegasus Richtung und befiehlt mir, noch weiter weg zu gehen. Na gut. 

Mama regt sich einfach noch zu sehr auf, wenn mir ein anderes Pferd zu nahe kommt. Also soll ich doch erst einmal mit ihr alleine bleiben. Irgendwann wird sie sich bestimmt beruhigen.

Drei Tage später darf Pegasus uns dann immerhin ein paar Minuten im Paddock besuchen, während Carl und Sigrid bei uns stehen. Er ist ganz lieb, und Mama passt auf, dass er mir nicht zu nahe kommt. Sie legt die Ohren an und schlägt mit dem Schweif, und das versteht Pegasus und hält Abstand. Er ist so lieb, dass er am nächsten Tag dann sogar zu uns auf die Koppel kommen darf!

Nachdem die beiden sich beschnuffelt haben, laufen wir dann einige Runden zusammen über die Koppel. Ist das schön!

Mama ist rossig, deshalb geht sie auch gleich wieder zu Pegasus hin. Ich glaube, sie ist sehr froh, wieder mit ihm zusammen zu sein.

Pegasus interessiert es aber wenig, dass sie rossig ist. Er mag sie einfach so. Mama und er fressen Nase an Nase, und ich bleibe immer dicht an Mamas Seite. Ich passe auf, dass es die Seite ist, die von Pegasus weg gewandt ist. Da fühle ich mich sicher.

Auch wenn er nicht mein wirklicher Vater ist - für mich ist Pegasus mein Papa. Und ich finde ihn ganz toll!

Wir dürfen nur eine Stunde zusammen bleiben, während Carl und Sigrid aufpassen, dass mir nichts passiert. Aber das macht nichts, denn  zwei Tage später kommt Pegasus schon wieder auf unsere Koppel.

Mama und ich und Carl sind nicht die einzigen, die ihn toll finden! Er hat heute sein erstes Turnier gewonnen, eine A - Dressur, und sieht noch stolzer aus als sonst! 

Mama ist immernoch rossig und läuft ihm sofort wieder hinterher. Ja ja.....

Die beiden sind nur mit sich selbst beschäftigt! Sie fressen wieder Nase an Nase und machen Fellpflege. Ich fühle mich irgendwie ausgeschlossen.... So ist das wohl als Einzelkind!

Also gehe ich zu Sigrid und lasse mich von ihr kraulen. Das ist genauso schön!

Als Mama sich dann wieder dem Gras widmet, darf ich zum ersten Mal alleine zu Pegasus gehen! Offenbar hat sie jetzt Vertrauen zu ihm, dass er mir nichts tun wird.

Wir beschnuppern uns, Nase an Nase, und kein Zaun ist zwischen uns! Ich bin sicher, er mag mich genauso wie ich ihn! Und ich freue mich, dass Mama so entspannt ist und uns zusammen sein läßt! Mama ist die Allerbeste!

Ist das schön, wir sind jetzt eine richtige Familie!

Wenn auch nur für eine Stunde.... Es ist der 26. Mai.

11. Juni. Jetzt bin ich sechseinhalb Wochen alt und schon groß: ich werde am Halfter zur Koppel geführt und zurück, und ich kann beim Putzen ruhig stehen bleiben und meine Hufe auskratzen lassen. Ich verstehe auch, dass ich, wenn sie "guten Tag" zu mir sagen, das rechte Bein vorstrecken soll....

Heute ist wieder ein großer Tag. Heute waren wir alle zusammen zum ersten Mal auf der großen Koppel. Zu fünft!

Ich habe gehört, wie Sigrid sagte, ich sei jetzt genau im richtigen Alter, um mir in unserer Herde Freunde zu suchen; einen Spielkameraden; einen, der meine Erziehung übernimmt; sie sagte, ich sei jetzt groß genug, damit wir alle zusammen sein dürfen. Endlich!

Zuerst bleibe ich noch bei Mama, aber dann möchte ich zu den anderen gehen und Goldi und Fee fragen, ob sie auch meine Freunde sein wollen.

Fee stand schon oft am Zaun mit mir zusammen, sie mag mich gerne. Vorsichtig nähere ich mich nun Goldi.

Er wendet sich mir zu, und ich mache meine Fohlenkaubewegungen, mit denen ich ihm zeige, dass ich klein bin und ihm nichts tue. Ich sage ihm, dass ich seine Freundin sein möchte, und er erwidert meine Freundschaft.

Von nun an gehen wir immer zusammen auf die Koppel. Ich bin sehr glücklich mit meinen neuen Freunden! Aber am liebsten bin ich immernoch bei Mama. Bei meiner Mama!

Oft sind wir aber auch zu dritt unterwegs, Mama, Papa und ich. Hier sind wir am 10. Juli.

Am besten geht es mir, wenn wir alle beieinander sind. Wie mögen uns alle sehr gerne, und es gibt keine Streitereien. Papa ist der Chef, und Mama die Leitstute. Meistens sagt sie uns allen, wohin wir gehen. Wenn irgendwo etwas seltsam ist,  zum Beispiel ein fremder Gegenstand auf unserer Koppel, dann geht sie dorthin und schaut ihn an, um zu sehen, ob er für uns gefährlich ist. Sie ist sehr mutig und hat vor nichts Angst. Ich liebe sie wirklich über alles!

Ende August haben wir eine Heißwetterphase, die uns gar nicht gut gefällt. Immer sind es über 30 Grad im Schatten. Sigrid stellt uns also einen Rasensprenger in unser Paddock, damit wir uns abkühlen können.